Karate

Karate – ein Weg

1986 begann ich als Student, Karate im Rahmen des allgemeinen Hochschulsports zunächst bei Hans-Jürgen Klemenz, dann bei Ekkehard Schleis zu trainieren. Ekkehard, ein Schüler des Bundestrainers Hideo Ochi, war kein Trainer, sondern ein Lehrer des Karate. Karate war für ihn kein bloßes Selbstverteidigungssystem, sondern ein Weg der Persönlichkeitsbildung. Die Perfektion der Bewegung, so vermittelte er uns, ließe sich nur mit einem Selsbstbewusstsein erreichen, das im Lot ist.

Verletzungsbedingt beendete ich am Ende meines Studiums das Karate-Training. 1995 begann ich es wieder, diesmal bei Hilmar Fuchs (5. Dan), der in Kahl am Main Karate, Kobudo und Tai Chi unterrichtete. Hilmar war ein Schüler des Großmeisters Roland Habersetzers (9. Dan), eines der französischen Karate-Pionieren. Herr Habersetzer hatte sich von dem wettkampforientierten Karate abgewandt und einen eigenen Verband, den CRB (Centre de Recherche Budo) gegründet. Schnell lernte ich, dass der Name tatsächlich Programm ist. Herr Habersetzer, der enge Kontakte nach Japan und Okinawa pflegt, ist ein international anerkannter Forscher auf dem Feld der Kampfkünste.

Gemeinsam mit meinem Meister Roland Habersetzer (9. Dan)

Herr Habersetzer, Hilmar Fuchs und sein damaliger Assistent Wolfgang Lang (mein heutiger Lehrer; 5. Dan) nahmen sich viel Zeit, mich in die Tradition des Karate einzuführen. Ihre Unterweisung knüpfte an dem Wissen an, das ich von Ekkehard Schleis bereits mitgebracht hatte, und vertiefte es. Nachdem ich 1998 die Prüfung des ersten Dans (1. Schwarzgurt) abgelegt hatte, gründete ich im Jahr 2000 mit ein paar engagierten Menschen den CVJM-Karate-Do Aufenau e.V. CVJM steht für „Christlicher Verein junger Menschen“. Es ist ein Verband, der in vielen evangelischen Gemeinden Kinder-, Jugend- und Sportgruppen unterhält und dort Inhalte des christlichen Glaubens zu vermitteln sucht. Unser Verein ist daher eine Gemeindegruppe der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Aufenau, die von mir als Pfarrer geleitet wird.

Prüfung-gelb-1

Menschen, die mich irritiert fragen, wie denn Kampfkunst und Kirche zusammenpassen, erkläre ich immer folgendes:

Es gibt drei Weisen, Karate zu praktizieren:

  • – als wettkampforienterten Kampfsport
  • – als reines Selbstverteidigungssystem, mit dem ein oder mehrere Gegner schnell und effektiv ausgeschaltet werden können, oder
  • – als Weg der Persönlichkeitsentwicklung.
Vince-Eva 2014

Besuch beim Lehrgang mit Vince (8. Dan) und Eva Morris 2014

In unserem Verein steht der Do (Weg) im Vordergrund. Es geht darum, Karate als einen Weg zu begreifen, der den Übenden das innere Gleichgewicht finden lässt, das sich in einem gewaltfreien und respektvollen Umgang mit seiner Umwelt dokumentiert. Wer gelernt hat, mit seinen eigenen Agressionen umzugehen, wer  internalisiert hat, dass allen Menschen eine gottgegebene Würde innewohnt, der braucht keine Gewalt, um sich selbst stark zu fühlen. Derjenige, der Karate studiert, kann sich selbst zurücknehmen, weil er den furchtsamen Respekt seiner Umwelt nicht braucht. Er agiert deeskalierend in aggressionsgeladenen Situationen; er versucht, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Ein Sprichwort aus der Tradition der Samurai lautet: „Das Schwert in der Scheide ist ein Schatz!“ Dieser simpel wirkende Satz hat viel mehr Tiefe und umschreibt die rechte innere Haltung eines Karate-ka (Studierenden des Karate- Wegs) wesentlich präziser als viele holprigen Erklärungsversuche der letzten vierzig Jahre. Wer Karate übt, formt aus dem Körper eine scharf geschliffene Waffe. Kommt sie zum Einsatz, kann das zu erheblichen Verletzungen beim Angreifer führen. Deshalb muss der Geist (Bewusstsein und Unterbewusstsein), der den Körper lenkt, ebenso intensiv geformt werden. Ein aufrechter Mensch, der in Gewalt keinen Sinn sieht – so ist das Idealbild eines Karate-ka. Dementsprechend wird nicht nur der Körper, sondern auch die Persönlichkeit „trainiert“. Wer in Konfliktsituationen ohne die Aussicht auf eine friedliche Beilegung sich mit aller Härte mit Karate-Techniken verteidigt, tut das immer auch mit Bedauern.

Derjenige, der noch ein paar Sätze der Bergpredigt, einem der zentralen Texte des Christentums im Ohr hat, wird hier sehr viel Ähnlichkeit zwischen Jesu Botschaft und der Ethik des Karate-Do entdecken: in beidem liegt die Achtung des Mitmenschen und die Vermeidung von Gewalt, die immer ein Ausdruck menschlicher Schwäche ist und bleibt.

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